Der lange Weg zu „Bernhard Stavenhagen“

Der lange Weg zu „Bernhard Stavenhagen“
Irmengart Müller-Uri und ihre Schülerin Heike Renner (Lätzsch)

Vor fünfzig Jahren wurde eine Musikschule mit der Hauptstelle Greiz und den Stützpunkten Zeulenroda und Schleiz gegründet – Der Name „Bernhard Stavenhagen“ wurde 1980 verliehen

GREIZ. „Die Verleihung des Ehrennamens „Bernhard Stavenhagen“ an die Musikschule Greiz hat eine lange Vorgeschichte. Schon 20 Jahre vor Gründung der Musikschule Greiz am 01.09.1967 wurde mit der Einrichtung des „Stavenhagen-Wettbewerbs der Stadt Greiz“ die Basis für diese Institution und ihre spätere Benennung geschaffen. Dieser Leistungsvergleich wurde 1947 von Kapellmeister Dr. Gerhard Friedrich und vom Greizer Bürgermeister Walter Kopp ins Leben gerufen. Die Ehrung des aus Greiz gebürtigen großen Pianisten erwies sich bis heute als Motivation für eine qualitätvolle Ausbildung musikalisch begabter Kinder in Greiz.

Obwohl die Lebensqualität in diesen Nachkriegsjahren denkbar schlecht war, standen das Musizieren und die dazugehörige Ausbildung hoch im Kurs. Mangel an Besitz bedeutet eben auch Konzentration auf wesentliche Dinge des Lebens.
Der Zweite Weltkrieg hatte zur Folge, dass die Einwohnerzahl der Stadt Greiz 1946 bei fast 50 000 lag, weil aus Ost und West Menschen vor den Wirren des Krieges nach Greiz geflohen waren.
Unter ihnen waren natürlich auch Musiker, Musikerzieher und begabte Kinder. Sie begannen mit der Ausbildung und ermöglichten damit die Gründung und Weiterführung des Stavenhagen-Wettbewerbs.
Außerdem wurde das Greizer Orchester wieder aufgebaut und stellte die Lehrer für die Orchesterinstrumente. So kamen die ersten Stavenhagen-Preisträger vorwiegend aus den Schülerkreisen von Greizer Privat-Musikerziehern und Orchestermitgliedern. Die besten von ihnen nahmen ein Musikstudium auf, einige von ihnen begleiteten später jahrzehntelang Positionen in Spitzenorchestern.
Genannt seien nur einige Stavenhagen-Preisträger der ersten Jahre: Prof. Karl Suske, Violine, Konzertmeister des Gewandhausorchesters Leipzig; Burkhard Schmidt, Violoncello, Solocellist im gleichen Orchester; Walter Hartwich, Violine, Konzertmeister der Dresdener Philharmonie, Bernd Riedel, Gesang, Mitglied der Berliner Staatsoper und Jürgen Schröder, Klavier, Preisträger in den Fächern Klavier und Violine, Professor für Klavier an der Musikhochschule „Hanns-Eisler“ Berlin und später an der Musikhochschule Peking/China.

Die begabten Greizer Schüler waren aber auch auf höheren Ebenen erfolgreich, zum Beispiel bei den Leistungsvergleichen im Bezirk und bei den „Zentralen Treffen Junger Talente“. Die staatlichen Organe wurden darauf aufmerksam und richteten 1954 im Rahmen der Gründung einer Volksmusikschule in Gera eine Außenstelle in Greiz ein, die mit gleich hohem Engagement und großem Erfolg musikalische Begabungen ausbildete.

Nachdem Struktur und Aufgabenstellung der Volksmusikschulen in der DDR 1963 auf die von Musikschulen mit dem Ausbildungsschwerpunkt „Orchesterinstrumente“ umgestellt worden waren, fassten sowohl die übergeordneten staatlichen Organe als auch die Leitung der Musikschule Gera eine Verselbständigung der Außenstelle Greiz ins Auge.
Ein geeigneter Termin dazu wurde auch gefunden: Zum 20-jährigen Bestehen des Stavenhagen-Wettbewerbs im Jahr 1967 wurde am 1. September in Greiz eine Musikschule mit der Hauptstelle Greiz und den Stützpunkten Zeulenroda und Schleiz gegründet.

Die Schülerzahl wurde auf 188 festgelegt, auf Antrag der Leitung wurde sie später auf 200 erhöht. Das war eine gesetzlich festgelegte Zahl, die auf dem Umrechnungsmodus 200 Schüler pro 100 000 Einwohner basierte, das entsprach damals der Einwohnerzahl der drei Kreise Greiz, Zeulenroda und Schleiz. In den Fächern Orchesterinstrumente (Streicher, Bläser, Schlagzeug) musste die Musikschule (MS) stets 50 % aller Schüler haben, der Rest waren Schüler in Klavier (etwa 25 %), Volksinstrumente (15%) und Gesang (5-10 %).

Es fehlte zunächst vor allem an Orchesterinstrumenten, sie wurden gegen geringe Gebühren an die Schüler ausgeliehen. Durch Verbindungen der Lehrkräfte der Musikschule zu Instrumentenbauern in Markneukirchen konnte der Fundus nach und nach vervollständigt werden. Außerdem war es bei der Aufteilung in feste Prozentzahlen nicht leicht, bei einer so geringen Schülerzahl für Volksinstrumente und Gesang dafür Lehrkräfte fest an die MS zu binden. Sie kamen entweder von außerhalb oder sie wohnten in Greiz und unterrichteten noch an anderen Musikschulen.

Die Unterbringung der Musikschule Greiz in den Räumen der ehemaligen Theaterschneiderei im Kreiskulturhaus Greiz, Stavenhagenstr. 4-5, war denkbar ungünstig. Die Räume waren sehr klein, es fehlten Unterrichtsräume und ein Proberaum für das Musikschulorchester und das Vororchester. Die Leitung der neuen MS Greiz kämpfte zehn Jahre lang um neue, geeignetere Räume, bis sie 1977 und 1978 in die zweite Etage des Unteren Schlosses Greiz nach deren Um-und Ausbau einziehen konnte. Trotzdem waren die Unterrichtsergebnisse gut, die MS Greiz wurde zweimal in Berlin und zweimal in Gera ausgezeichnet, weil aus ihr prozentual im Bezirks- und DDR-Maßstab die meisten Studiendelegierungen und Schüler mit guten Wettbewerbsergebnissen kamen.

Der Stavenhagen-Wettbewerb lief über die gesamte Zeit weiter, Austragungsstätten waren der kleine oder der große Saal des Kreiskulturhauses oder auch die Aula der Erweiterten Oberschule Greiz in der Dr. Scheube-Straße, heute Lessing-Schule. Vor allem in den beiden letzten Gebäuden fehlte es an Aufenthalts-und Einspielmöglichkeiten für die Teilnehmer von außerhalb, zumal der Wettbewerb ab 1968 für den gesamten Bezirk Gera ausgeschrieben worden war.
So boten wir schon 1977 nach Einzug in die erste Hälfte der 2. Etage im Unteren Schloss unsere MS-Räume der Stadt zur Austragung des Wettbewerbs an, ab 1978 waren es dann alle 17 Räume. Die Stadt griff zu und alle Teilnehmer samt Jury atmeten auf: Auf einer Etage war jetzt gründliches Einspielen, Austragung, Auswertung und Aussprache mit den Teilnehmern und ihren Lehrern möglich.

Nachdem das ein paar Jahre gut gelaufen war, wagten wir, uns um der Ehrennamen „Bernhard Stavenhagen“ zu bewerben. Wir taten das mit einem schriftlichen Antrag an den damaligen Rat des Kreises Greiz und mit dem Programm für mehrere eigene Veranstaltungen in einer Woche. Darunter war zum Beispiel ein Konzert der Musikschüler, in dem das Leben Stavenhagens in einzelnen Etappen verlesen wurde.
Außerdem schrieb die Leitung etwa 30 ehemalige Musikschüler und Stavenhagen-Preisträger an und bat sie, sich zu dem Titel „Was hat der Stavenhagen-Preis für meine persönliche und musikalische Entwicklung bedeutet?“ zu äußern.
Bis auf eine einzige Ausnahme folgten alle dem Aufruf und sandten ihre Meinung mit einem Passfoto ein. Die Stellungnahmen zum Thema waren durchweg positiv, auch bei denen, die einen anderen Beruf ergriffen hatten. Die volle Konzentration auf eine Sache, verbunden mit dem Einsatz aller verfügbaren eigenen Reserven, wurde zum Beispiel von vielen als Erfahrungswert für spätere Examina angesehen. Wir stellten die Zusendungen auf unseren Fluren aus, sie fanden großes Interesse, vor allem bei den Teilnehmern am Stavenhagen-Wettbewerb, der unmittelbar danach stattfand.

Am 12. November 1980 war es dann soweit: Der Musikschule Greiz wurde im Rahmen eines Festaktes der Ehrenname „Bernhard Stavenhagen“ verliehen, sie trägt ihn heute noch.
Auch aus der Musikschule „Bernhard Stavenhagen“ Greiz gingen immer wieder Stavenhagen-Preisträger hervor, die ein Musikstudium aufnahmen und tüchtige Musiker wurden.
Allerdings hatten sie es nach 1990 wesentlich schwerer, gute Positionen im Musikleben zu bekommen, da sich nun Musiker aus allen Ländern der Erde um Stellen bewerben konnten.
Von den Stavenhagen-Preisträgern, die in den letzten 45 Jahren die MS Greiz vertraten, seien stellvertretend einige Namen genannt: Bert Greiner, Violine, Prof. an der Fachhochschule für Musik in Cottbus; Susanne Kanis, Violine, Mitglied der Staatskapelle Weimar; Christoph Schulze, Violoncello, Mitglied der Staatskapelle Dresden; Nadine Blumenstein, Violine, Mitglied des Hessischen Rundfunkorchesters in Frankfurt/Main; Torsten Oehler, Violoncello, Solocellist im Theaterorchester Gießen; Frieder Gauer, Flöte, Soloflötist im Philharmonischen Orchester Erfurt; Thomas Fleischer, Stellv. Solocellist bei den Bochumer Sinfonikern; Christin Blumenstein, Violine, Lehrerin am Musikgymnasium Weimar/Belvedere und Ingo Hufenbach, Klavier, Direktor der Musikschule „Bernhard Stavenhagen“ Greiz.

Und somit war und ist der Greizer Bernhard Stavenhagen bis heute ein Motor für Generationen junger Menschen, höchstmögliche musikalische Leistungen anzustreben.“

P.S.
Herzlichen Dank an Frau Irmengart Müller – Uri für diese präzisen Ausführungen.

Antje-Gesine Marsch @06.09.2017