Heiko von Bogen: Der Kreuzweg hat mich tief beeindruckt

Heiko von Bogen: Der Kreuzweg hat mich tief beeindruckt
Heiko von Bogen reinigt eine Figur des Kreuzweges.

Im Rahmen von umfangreichen Renovierungsmaßnahmen in der Katholischen Kirche wird auch der bedeutende Kreuzweg Elly-Viola Nahmmachers gereinigt und oberflächenkonserviert

GREIZ. Vor fünfunddreißig Jahren wurde in der Katholischen Herz-Jesu-Gemeinde erstmals der Kreuzweg der Greizer Bildhauerin Elly-Viola Nahmmacher offeriert. In vierzehn Reliefs aus Lindenholz stellte die Künstlerin die Stationen des Leidensweges Jesu dar.
1983 begann Elly-Viola Nahmmacher diesen Kreuzweg zu schnitzen. Er sollte zur schärfsten Herausforderung avancieren, wie Werkskenner und -verwalter Winfried Arenhövel vor Jahren einmal sagte. „Wunden geben Gestalt“ habe die Künstlerin damals in einem Brief an eine Freundin geschrieben.
Als im heißen Herbst des Jahres 1976 zahlreiche Veränderungen das Land übersäten und es sie drängte, für Pfarrer Oskar Brüsewitz, der sich in Zeitz öffentlich verbrannte, das Grabmal „Feuerapokalypse“ zu schaffen, wurde ihr zum ersten Mal klar, dass sie im Visier der Staatssicherheit stand. Sie überfiel grenzenlose Angst, weil Nachbarn und Freunde sie bespitzelten.
In den Kreuzweg, den sie 1984 beendete, hatte Elly-Viola Nahmmacher alle eigenen Kreuze hinein geschnitzt. Die Arbeit fiel ihr physisch und mental zunehmend schwerer, doch sei sie glücklich gewesen, als am 11. April 1984 der Kreuzweg im Katholischen Gotteshaus seinen Platz gefunden hatte. „Er ist gut geworden“, wie sie damals befand.
Im Rahmen umfangreicher Renovierungsmaßnahmen, die derzeit im Gotteshaus in der Greizer Neustadt stattfinden, wurde Restaurator Heiko von Bogen mit der Aufgabe betraut, den Kreuzweg zu reinigen und die Oberfläche zu konservieren. „Eine spannende und beeindruckende Arbeit, vor allem, wenn man die geschichtlichen Hintergründe dazu kennt“, gestand der junge Mann im Gespräch.
Zunächst befreite Heiko von Bogen mit einer feinen Staubsaugerbürste die Reliefs von grobem Schmutz. Das „Wundermittel“, mit denen er die Bildwerke sorgsam reinigte, besteht aus purem Leinöl – die Schmier-und Schleimstoffe wurden herausgefiltert – und Tungöl, das aus den Samen des asiatischen Tung- oder Abrasinbaums und des Tungölbaums gewonnen wird. Mit einem Leinölballen werden die satt aufgetragenen, überschüssigen Öle im Anschluss sanft abgetupft und die Reliefs zum langsamen Trockenen gelegt.
Quasi als Bonus reinigte und konservierte Heiko von Bogen zudem die Mutter-Gottes-Figur von Elly-Viola Nahmmacher.
Zu Ostern wird man in der mit einem neuen Farb-und Beleuchtungskonzept ausgestatteten Kirche den Kreuzweg wieder bewundern können.
Angedacht ist zudem, auch die große Kreuzigungsgruppe im Altarraum einer Reinigung zu unterziehen. Dafür werbe man bereits um Spenden, wie Heiko von Bogen sagt.

Hintergrund:
Die einzelnen Stationen:

1 Jesus wird zum Tode verurteilt

2 Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schulter

3 Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

4 Jesus begegnet seiner Mutter

5 Simon von Zyrene hilft Jesus das Kreuz zu tragen

6 Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

7 Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

8 Jesus begegnet den weinenden Frauen

9 Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuzigung

10 Jesus wird seiner Kleider beraubt

11 Jesus wird ans Kreuz genagelt

12 Jesus stirbt am Kreuz

13 Jesus wird vom Kreuz genommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt

14 Der heilige Leichnam Jesu wird ins Grab gelegt

Elly-Viola Nahmmacher

Die 1913 in Gera-Unterhaus geborene Künstlerin wurde nach Abschluss der Schule 1930 in einer Greizer Buchhandlung tätig.
1934 – 1938 trat sie eine Bildhauerlehre bei Eva Eisenlohr an und war anschließend Mitarbeiterin im Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz.
Ihrer künstlerischen Weiterentwicklung dienten Studien bei Emil Mund (Chemnitz) und Renèe Sintenis (Berlin).
In Greiz wirkte Elly-Viola Nahmmacher seit Kriegsende als freischaffende Künstlerin.
Greiz wurde zum Mittelpunkt ihres künstlerischen Schaffens.
Ab 1950 galt ihr Augenmerk vorrangig christlichen Themen.
Viele Kirchen in Deutschland beherbergen bis heute Altäre, Madonnen und Kreuzwege der Künstlerin aus dem thüringischen Greiz.
Mit dem Lyriker Reiner Kunze verband die Künstlerin ab 1965 eine produktive Freundschaft, beide inspirierten sich gegenseitig.
Ihre Arbeiten wurden 1970 bis 1975 im Ausland u.a. in den USA sowie in der damaligen Bundesrepublik gezeigt.
Im Jahre 1975 erfolgt der Ausschluss Nahmmachers aus dem Verband Bildender Künstler der DDR.
Die Künstlerin war den politischen Kreisen ein Dorn im Auge als sie 1977 ein Grabmal für den evangelische Seelsorger Oskar Brüsewitz schuf. Pfarrer Brüsewitz hatte sich im August 1976 aus Protest gegen die Kirchenpolitik der DDRRegierung auf dem Marktplatz von Zeitz selbst verbrannt. Das Denkmal durfte nicht auf dem Friedhof von Rippicha aufgestellt werden. Es wurde beschlagnahmt. E. V. Nahmmacher erhielt im Zuge des Ankaufs einen geringen Betrag als Entschädigung.
Öffentlich aufgestellt wurde das Denkmal erstmals 1989 anlässlich eines Konzertes gegen Gewalt.
Erst seitdem wurden Ausstellungen außerhalb christlicher Einrichtungen von Elly-Viola Nahmmacher auf dem Gebiet
der ehemaligen DDR wieder möglich. 1993 zog die Künstlerin zu ihrer Tochter nach Kromsdorf bei Weimar, wo sie im Mai 2000 verstarb.
Die Verbindung zu ihrer Wahlheimat Greiz verlor sie auch nicht in ihren letzten Lebensjahren. Mit der Bürgermedaille der Stadt Greiz in Gold wurde ihr 1993 die höchste Ehrung zuteil, die unsere Stadt vergeben kann. 1994 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.
Ihre letzte Ruhe fand sie ihrem ausdrücklichen Wunsch gemäß auf dem Neuen Friedhof zu Greiz.
Seit 2004 trägt eine Straße in Greiz den Namen der Künstlerin.

Service:
Atelier Georg Louis von Bogen
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Antje-Gesine Marsch @14.02.2019