Von Rastelbindern und Pechkratzern

Die Historische Stadtführung durch Greiz
Das Milchmädchen wartet am Röhrenbrunnen auf die Gäste.

Wie man anno dazumal sein Geld verdiente – Historische Stadtführung
GREIZ. Wie man anno dazumal in Greiz sein Geld verdiente, konnte man bei einer heiteren Stadtführung am Karsamstag erleben. Silke Stark vom Mode & Show Team führte die etwa vierzig Gäste durch das Zentrum der Residenzstadt und gab neben Geschichtlichem auch Wissenswertes zu längst ausgestorbenen Berufen kund. So etwa zu den Tätigkeiten des Abortanbieters, Lumpensammlers, Mundkochs, Rastelbinders, Pechkratzers oder Urinwäschers. Doch zunächst begegnete die Besuchergruppe einer jungen Frau, die mit einem Eimer Milch am Röhrenbrunnen stand und sich ausmalte, was sie sich nach dem Verkauf der Milch alles leisten könne. Ein neues Spitzenhäubchen oder Schuhe für die Kinder. Doch das Umfallen des Milchkruges machte alle ihre Pläne zunichte. „So entstand mit Blick auf das vergossene Glück das Wort ‚Milchmädchenrechnung‘“, erklärte Silke Stark. Auf dem Markt machte die Gruppe Bekanntschaft mit dem „Abortanbieter“, einem Mann, der für die Notdurft seiner Kundschaft zwei Eimer schleppte und zudem einen schwarzen ledernen Radmantel trug, um die Leute vor neugierigen Blicken zu schützen. Einem „Pechkratzer“ konnten die Besucher auf einem Baum des Westernhagenplatzes bei der Arbeit zusehen. Das Pech wurde einst von lebenden Kiefern, Tannen oder Buchen gewonnen. Dabei wurde die Rinde der Bäume stellenweise entfernt und das freigelegte Holz mit dem Reißhaken angerissen und das austretende Harz unter der Baumwunde aufgefangen. Der Ertrag wurde an Pechhütten abgeliefert. Die märchenhafte Redewendung „Pech gehabt“ stammt daher, dass das Pech vom Baum auf einen Bösewicht herunterfiel und ihm so Unglück brachte, erklärte Silke Stark dazu. Auch der Besuch des alten Apothekers, der vor der ehemaligen Likörfabrik sein Alchimisten-Tischlein aufgebaut hatte, gehörte zum Rundgang. Der beliebte Schnaps „Unner Gräzer“, der viele Jahre in Greiz produziert wurde, geht auf ein Experiment dieses Apothekers zurück. Natürlich bedurfte es auch einer kleinen Verkostung, die von den Gästen gern angenommen wurde. Der Mundkoch des Fürsten hatte seinen Backofen am Aufgang des Oberen Schlosses aufgestellt und offerierte den Besuchern einen echten Elsässer Flammkuchen. Im Schlossgarten, der letzten Station des heiteren Stadtrundganges begegnete man dem Urinwäscher. Die Möglichkeit, Urin zur Reinigung von Kleidung zu nutzen, war schon in der römischen Kaiserzeit bekannt. Zu diesem Zweck sammelten Urinwäscher Urin, um damit zum Beispiel wollene Wäsche zu reinigen. Mit dem Fett und Talg in den verschmutzten Kleidern habe der etwa zehn Tage gelagerte Urin auf Ammoniakbasis eine stark reinigende Seife gebildet, wie Silke Stark den staunenden Gästen erklärte. „Alle diese Berufe gab es wirklich“, wie versicherte. Die Entwicklungen der Technologie und gesellschaftlicher Wandel verdrängten viele Berufe, die in früheren Zeiten fest zum Alltag gehörten. „Schön, wenn man die Erinnerung daran wachhält“, so Renate Schmidtke, die mit ihrem Sohn die Führung besuchte.
„Eine lehrreiche und heitere Stunde“, urteilten die Besucher, die abschließend herzlichen Beifall spendeten. Im nächsten Jahr werde es eine weitere Themenführung geben, wie Silke Stark und das Mode & Show Team Greiz versprachen. Neben den Schauspielführungen gehören auch Modenschauen, Gruselshows oder Märchenaufführungen zum Programm des kreativen Ensembles.

Antje-Gesine Marsch @21.04.2014

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Veranstaltungen Vogtlandhalle Greiz

2 Kommentare

  1. Hallo Frau Marsch,
    tolle Bilder,lassen uns den schönen Nachmittag in Erinnerung nochmal erleben.
    Frohe Ostern
    Jörg und Eleonore Brückner

  2. Sehr geehrte Damen und Herren,

    wie sie wissen ist es uns als Darsteller leider wiedereinmal verwehrt geblieben von uns Bilder zu machen. Daher wollte ich fragen ob wir diese sehr gelungenen Bilder für unsere Mode uns Showteam Seite und die gleichnamige Facebook Seite mit angabe der Quelle verwenden dürfen.

    Ich bedanke mich im voraus und verbleibe

    MfG

    Frank Becker

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