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Gregor Gysi denkt über Deutschland, Gott und die Welt nach

Gregor Gysi denkt über Deutschland, Gott und die Welt nach

Frau Nöller freut sich über Gregor Gysis Eintrag in ihr Buch "Nachdenken über Deutschland".

Über 500 Gäste kamen in den Großen Saal der Vogtlandhalle Greiz
GREIZ. Vor genau einem Jahr weilte der Vorsitzende der Linksfraktion im Deutschen Bundestag. Gregor Gysi schon einmal in der Schloss-und Residenzstadt. Da lud Harald Seidel in den Fürstensaal des Oberen Schlosses ein – eine sich als zu klein erweisende Lokalität. Fast die Hälfte der Gäste musste damals verstimmt wieder den Heimweg antreten. Eines aber versprach der Politiker: „Ich komme wieder.“ Am Montagabend löste Gregor Gysi sein Versprechen ein. Vor über fünfhundert Zuhörern sprach er im Großen Saal der Vogtlandhalle Greiz über „Deutschland, Gott und die Welt“. In einem Einstiegsreferat streifte der Politiker eine Vielzahl von Themen, die die Menschen in der heutigen Zeit bewegen und offerierte ein breites Spektrum, das von der “Vereinigung” der beiden deutschen Staaten; über den Abzug der Atomwaffen, den Deutschland zu 20 Prozent mitfinanziert; das Duckmäusertum der Bundesregierung gegenüber den USA; die Vermögenssteuer der Reichen, die unangepassten Renten, die Schulbildung – bis zur politischen Situation in der Ukraine und der Pegida-Bewegung in Deutschland reichte. „Früher war die Politik klar strukturiert“, so Gysi. Es gab die Sowjetunion und die USA als Großmächte, die sich ab und zu „verhackelten“, ansonsten sei die Weltordnung relativ „stabil“ gewesen. „Heute ist das völlig anders.“ Wenn Gysi spricht, versteht auch der politisch Ungebildetste die Welt. Mit messerscharfen Argumenten und brillanter Rhetorik verstand der 67-Jährige, eine Vielzahl politischer Tatsachen und Zusammenhänge auf den Punkt zu bringen. Etwa die Wiedervereinigung: „Was mich wirklich ärgert ist, dass wir keine Vereinigung hatten und dass die Menschen in den alten Bundesländern keine Vorteile nachvollziehbar erhalten haben.“ Etwa zehn Sachen, die im Osten gut waren, hätte man im Westen übernehmen sollen, etwa die Polikliniken oder die Hortbetreuung. „Man hat ihnen einfach keine Erfahrungen gegönnt“, scherzte der Politiker.
Das Thema Ukraine betreffend, unterstrich der Linke-Politiker, dass „Deeskalation“ die einzige Lösung sei. Vor der eigenen Haustür schwele die Ukraine-Krise – mit der Folge, dass sich die Beziehungen der USA, der Europäischen Union und somit auch Deutschlands zu Russland drastisch verschlechterten. Statt „militärischer Drohgebärden der NATO“ und „wirkungsloser Sanktionen“ müsse man endlich Schritte der Deeskalation einleiten. Europa habe nur eine sichere Zukunft „mit“ und nicht „gegen“ Russland. Wenn der Westen deeskalierend wirke, werde auch Putin zurückrudern. Gregor Gysi betonte weiter, dass wichtige Reformvorhaben dringend in Angriff genommen werden müssen, beispielsweise eine sozial gerechtere Steuerreform mit der Beseitigung der Abgeltungssteuer und der kalten Progression. Zum Thema „Pegida“ unterstrich er, dass die islamfeindlichen Märsche nur unter AfD-Wählern Zustimmung finden würden. Und: „Abstrakte Ängste sind schlimmer als konkrete“. Das Phänomen dabei sei, dass es in Dresden kaum Ausländer gebe. Einen Teil der Schuld an der Islamfeindlichkeit trage auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die „viel Raum nach Rechts freigegeben habe“.
Auch eines von Gregor Gysis Lieblingsthema fand Einzug in den Vortrag: die Bildung. „Wer Zukunft will, muss Chancengleichheit herstellen.“ Es muss doch einen Grund geben, warum in Deutschland immer weniger Kinder geboren werden. Nach Gysis Ansicht herrschen in Deutschland „kinderfeindliche Zustände“. „Was wir brauchen, ist ein flächendeckendes Netz an gebührenfreien Kindertagesstätten, ein kostenfreies warmes Mittagessen, top-ausgebildete ErzieherInnen, die auch top-bezahlt werden“, so die Forderung des Bundespolitikers. Dass es in Deutschland sechzehn unterschiedliche Bildungssysteme gibt, hält Gysi für völlig inakzeptabel. Das sei „zu Postkutschenzeiten ein enormer Fortschritt“ gewesen, passe aber nicht in die moderne Zeit. In puncto Bildung sei man von einer Chancengleichheit meilenweit entfernt.
Im Anschluss an den Vortrag erhielten die Gäste des Abends die Möglichkeit, Fragen an Gregor Gysi zu stellen. „Was ist, wenn die Linke in die Regierungsverantwortung käme?“; „Wird es eine Europäische Armee geben?“ oder „Was bringt uns das Freihandelsabkommen TTIP ?“ waren einige der gestellten Fragen.
Für die musikalische Umrahmung der Veranstaltung zeichnete sich die Formation „jailbreak“ verantwortlich, die mit jazzigen Klängen ein gelungenes Pendant zu den eher sachlich-politischen Ausführungen bildete.

Antje-Gesine Marsch @10.03.2015

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