Wie die Kartoffel nach Greiz kam

Früh Kartoffeln
Das Greizer Land fungierte als Vorreiter in Thüringen, Kartoffeln anzubauen. Bis 1690 lässt es sich geschichtlich zurückverfolgen.

Früher als anderswo in Thüringen baute man die Feldfrucht im Greizer Raum an

GREIZ. Bekanntlich waren (und sind) die Greizer ihrer Zeit immer etwas voraus. So wurde auch die Kartoffel – oder der „Erdapfel“ wie man sie früher nannte – eher im Raum Greiz als anderswo in Thüringen angebaut.
Sämtliche durch urkundliche oder literarische Belege ausgewiesenen Daten des ersten Auftretens der runden Knolle im thüringischen Raum (zwischen dem Harz und dem südlichen Werratal) liegen zum größten Teil um einige Jahrzehnte später als die im Greizer Land.
Die Tatsache, dass sich die Kartoffel von Lunzig aus – wo ihr Anbau gegen Ende des 17. Jahrhunderts bezeugt wird – in die benachbarten Dörfer Brückla (1715) und Hohenölsen (1728) verbreitete, lässt die Annahme zu, dass das Greizer Land sie am frühesten im Thüringer Raum anbaute. Vogtländische Forscher sprechen sogar davon, dass man von hier aus dieser Feldfrucht in Thüringen überhaupt Eingang verschafft hat.

Doch der Reihe nach: Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts drang der Kartoffelanbau in das Thüringer Becken vor – doch zunächst ließ beispielsweise der Weimarer Herzog Ernst August den Anbau von „Erdtuffeln“ lediglich zur „Ankörnung von Wildschweinen“ anbauen.
Der reußische Chronist Christoph Brückner stellte sogar die Behauptung auf, die Kartoffel sei die „jüngste, erst um 1770 mit Mißtrauen bei den Bauern eingeführte Pflanzenkost“.

Anders im Greizer Land – aus dem Quellenmaterial ehemaliger Rittergüter in Reuß Älterer Linie geht hervor, dass der Kartoffelanbau nicht erst im 18. sondern bereits Ende des 17. Jahrhundert hier bekannt war. Man beruft sich historisch auf eine eidliche Aussage aus dem Jahr 1723, „daß die Kartoffel…vor dreißig und mehr Jahren“ auf dem Lunziger Rittergut angebaut wurde, woraus man schließen kann, dass der erste Kartoffelanbau um das Jahr 1690 stattfand.
Als die früheste quellenmäßig belegbare Erwähnung im Reußenland galt bislang eine Angabe in einem Fronregister des ehemaligen Ritterguts Brückla aus dem Jahr 1715. Darin heißt es: „Die Pferde-und Handfröner müssen allen Dünger, wie es Namen haben mag, als Schlamm, Mist, Kalk, auf die Rittergutsfelder fahren, alles Feld bestellen, allen Samen säen, Pflanzen stecken, Kraut hacken, ausschneiden, einlegen, Erdäpfel graben und hacken, alles Holz machen…usw.

In diese Zeit fällt auch die Erwähnung der Kartoffel in einem Inventarverzeichnis des Ritterguts Hohenölsen. Die genaue Beschreibung eines der Felder lautet: „Der Mühlwegacker jenseits, 19 Scheffel groß, ist bis auf vier Scheffel, worauf Kraut, Rüben und Erdäpfel, mit Korn besät.“ Die geringe Anbaufläche lässt allerdings vermuten, dass die Kartoffel weniger zur menschlichen und tierischen Nahrung diente, als mehr zur Branntweinherstellung, da die Rittergüter im Besitz des Branntweinrechts waren.
Über die Anbaumenge auf dem Lunziger Gut erfährt man noch näheres von Maria Rögner aus Lunzig, die in einem Fronstreit aussagte: „Vor diesem wären wenig Erdäpfel gebauet…nunmehr wären es zu viel, wie denn heuer acht Tage daran zu tuen gehabt..“
Über die Einbringung erfährt man zudem, dass sie in „Maßkörben“ oder „Füllfässern“ geerntet wurden.

Die Kartoffel: Bis heute nahrhaft, gesund und die beliebteste Beilage der Deutschen. Noch vor wenigen Jahren – bevor die Heizungsanlagen die Kellerräume in Beschlag nahmen – war es für die meisten Familien wichtig, sich bereits im Herbst einen Winter-Vorrat an Kartoffeln zuzulegen.

Quelle: Greizer Heimatkalender 1959

Antje-Gesine Marsch@ 20.09.2017