Ist Politik besser als ihr Ruf?

Prof. Wolf Wagner gibt Neuntklässlern des Ulf-Merbold-Gymnasiums eine Bilderbuch-Lehrstunde in Sachen Demokratie
Nun muss Strobel zur "Bundespressekonferenz"

Prof. Wolf Wagner gibt Neuntklässlern des Ulf-Merbold-Gymnasiums eine Bilderbuch-Lehrstunde in Sachen Demokratie

GREIZ. Man stelle sich vor, der Wahlsonntag stünde vor der Tür. Wahlen werden kaum durch den Kopf entschieden, sondern aus dem Bauch heraus, meinte Prof. Wolf Wagner, der am Dienstagvormittag vor Neuntklässlern des Ulf-Merbold-Gymnasiums eine Bilderbuch-Lehrstunde in Sachen Demokratie gab. Da alle Theorie grau ist, bezog der Politologe, der an der Fachhochschule Erfurt lehrt, die Schüler in den Unterricht ein und ließ Parteien entstehen. Diese hatten über 60 Flaschen Fruchtsaft und Cola sinnbildlich für die Wirtschaft des Landes zu entscheiden.

Maximilian Schmidt als Vertreter der Verdünnungspartei plädierte in seiner spontanen Wahlrede dafür, die Getränke zu verdünnen, damit der Inhalt für alle reiche. Felix Schenderlein dagegen brach eine Lanze für die Verzichtspartei und riet, die Flaschen als Saat des Bösen zu entsorgen, während Carl-Alexander Strobel in einer glühenden Rede die Teilepartei als das Non plus Ultra darstellte und forderte, dass durch einfaches Teilen jeder seinen Anteil bekäme. In einer Wahlabstimmung bekam die Teilepartei 66 Stimmen und somit die Zweidrittel Mehrheit. In der anberaumten Bundespressekonferenz stellte sich Carl dann den Fragen der Medienvertreter und kam durch geschickt gestellte Fragen ins Taumeln. Es ist immer so in der Politik, erklärte Prof. Wagner. Der Politiker scheitert an der Wirklichkeit. Der Regierungschef werde nun, um sein Wahlversprechen zu halten, Kompromisse eingehen, Schulden machen oder Steuern erhöhen. Gerade, wenn man die absolute Mehrheit hat, stößt man sich ganz schnell an die Wirklichkeit, meinte dazu der Politologe. Man könne als Politiker also gar nicht halten, was man versprochen hat. Und der Wähler könne lediglich die Richtung erkennen, in die das Land gehen wird.

Also stimmen solche Aussagen wie In der Politik geht es nicht um die Sache, sondern nur um Macht oder In der Politik wird zu viel geredet und nichts geleistet stellte Prof. Wagner in den Raum. Sicher hätten diese Aussagen auf den ersten Blick etwas Einleuchtendes und Glaubwürdiges an sich, doch beim genaueren Überlegen zeige sich, dass die Wirklichkeit viel komplizierter und vielschichtiger sei, als diese Ansichten glauben machen wollen. Stellt man sich eine Welt vor, in der man nur unter seinesgleichen und die Wahrheit offensichtlich ist, sind die meisten dieser Aussagen stimmig, meinte Prof. Wagner. Und weil eben klar ist, was gut für das Land ist und wer es tut, gibt es weder Opposition, noch Streit oder besondere Interessen, die das Gemeinwohl gefährden könnten. Doch die wirkliche Welt ist nicht so, holt der Professor die Schüler schnell in die Wirklichkeit zurück. Die Welt sei voll von einander fremden Menschen, die verschiedenste Religionen, Wertvorstellungen und Ziele haben. Keiner habe ein Rezept zu erkennen, was wirklich gut oder böse sei. Dadurch seien Konflikte und Irrtümer unvermeidbar; das Gemeinwohl sei nicht zu erkennen. Man müsse in diese Welt seine eigenen Vorstellungen vom Gemeinwohl einbringen und Bündnisse schließen mit Menschen oder Gruppen, die ähnlich gelagerte Vorstellung von einer guten Welt haben. Prof. Wagner zitierte abschließend den Philosophen Platon, der meinte, die Diktatur wäre die Lösung aller Probleme, wenn der Diktator der weiseste und wissendste von allen sei. Doch wie findet man heraus, wer das ist? Also müsse man sich mit dem zweitbesten System zufrieden gebe: der Demokratie.

Die Veranstaltung entstand in Zusammenarbeit der Landeszentrale für politische Bildung, der Bibliothek, des Ulf-Merbold-Gymnasium und den Schüler der 9. Klassen.

Antje-Gesine Marsch @01.02.2012